Innvervillgraten Notes

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Badl Herrgottswinkel

Badl Herrgottswinkel

Burgl

Burgl

Die beiden Schwestern gehören zu vielleicht drei, vier älteren Damen im Ort die noch das sogenannte „Bairische Gewand“, die bäuerliche Tracht, in Schwarz zu besonderen Anlässen anlegen. „Es gab ja nur Bauern“, sagte Burgl, eine der photographierten Damen, zu mir. Sie trägt diese Art der Tracht nun schon seit 87 Jahren. Seit ihrer Kindheit. Nur die Farbe der Schürzen passt sich bei diesem Festtagsgewand den Umständen an: Blau für Hochzeiten; Schwarz für Beerdigungen; und Gold für die höchsten Festtage. Obwohl jede Talschaft eine eigene Tracht pflegt, war früher dieser Stil in der Region weit verbreitet. Ein Hut mit zwei langen, leicht im Wind wehenden Bändern an der Nackenseite gehört immer noch untrennbar zum Bairischen dazu. Der für eventuelle Auffrischungsarbeiten oder Reparaturen zuständige Hutmacher, Jahrgang 1925, ist schon länger nicht mehr aktiv. Zum Glück hat man ja zwei, drei geerbte Exemplare in Reserve. Bei kirchlichen Prozessionen, Fest- und Feiertagen heben sich die schlichten Schmuckstücke optisch deutlich von den farbenprächtigeren Trachten und einfacheren Dirndln ab. In Schwarz wirken sie ein wenig festtäglicher als andere traditionelle Kleider. Vielleicht auch ein wenig religiöser. Da man früher unseren Grad an Wohlstand nicht kannte, war es auch jene Tracht, die man pragmatischerweise am Ende zur ewigen Ruhe anlegte. Es ist anzunehmen, dass diese Damen ebenfalls so gekleidet ihren Abschied nehmen werden. Junge Frauen tragen das bäuerliche Gewand heute nicht mehr. In der gesamten Region ist diese Kleidung fast verschwunden. „Ein Dirndl sei komfortabler und lasse einen weniger alt aussehen“, erzählte mir eine jüngere Bäuerin im Ort. „Eine Zopffrisur bräuchte man auch nicht. Überhaupt ist das Bairische Gewand mit mehr Aufwand verbunden“. Burgl war sich nicht sicher, aber vielleicht gibt es im Tal doch noch eine weitere Seniorin, die diese Tracht am Leben erhält. In der Nachbargemeinde, im angrenzenden Außervillgraten. Keine 10 Kilometer weiter bergab, wo der Verkehr schon kräftiger durchzieht, ist das Bairische mittlerweile eine schwindende Erinnerung an ursprünglichere Tage.

Sacristan

Sacristan

Alpine G

Alpine G

Motocross- und Trial-Motorräder findet man in vielen Scheunen und Garagen im Ort — auch nicht für den Straßenverkehr zugelassene Exemplare. Wo sich in der Wintersaison diverse Schneeliebhaber die Pisten hinunterschlängeln, jagt zur warmen Jahreszeit ein Teil der männlichen Jugend dem Adrenalin auf zwei Rädern nach. Nicht immer sind Ruhe suchende Wanderer und die Staatsgewalt mit dem Actionsport einverstanden. Solche Anekdoten werden dann im engsten Kreise, im Baumhaus neben dem Bach, mit reichlich Bier zelebriert, und nach und nach mit Respekt ins geschützte dörfliche Kollektiv aufgenommen. Die Bierkapseln werden übrigens gerne, deutlich hörbar, mit einer anderen Flasche Bier aufgeploppt. Voller Stolz. Der Ort ist überzogen mit Geschichten, die die widerspenstige Natur Ihrer Bewohner zelebriert und das abweichende Wir für die nächsten Generationen vorebnet. Mit einer Trial furchtlos über Straßen und Almen zu jagen ist nur eine weitere, kleine, jugendliche Kerbe im massiven Stammbaum dieser hoch gelegenen Gemeinde im Villgratental.

Quick Smokes

Quick Smokes

Cigarette Break

Cigarette Break

Grüß Gott Bauer

Grüß Gott Bauer

Der Begriff „Grüß Gott Bauer“ hat mittlerweile einen weitreichenden Klang. Die Familie von Josef Rainer hat den Gruß der Nationalsozialisten strikt abgelehnt. Sein gleichnamiger Vater, zutiefst katholisch, weigerte sich die neue Grußformel anzunehmen. 1938 hat er ein weißes „Grüß Gott“ auf das Balkongeländer seines Hauses geschnitzt. Dieser Gruß war heilig — auch heute noch. Der Lanserhof stand deutlich sichtbar neben dem Hauptverkehrsweg, der Talstraße. Es war eine pure Provokation, die sich eindeutig der drohenden NS-Ideologie widersetzte. Die Familie musste mit harschesten Konsequenzen der Gestapo rechnen. Trotz der Gefahr, der Einschüchterungsversuche und einer Dauerbeobachtung in den Kriegsjahren, blieb sowohl die tapfere Bergbauernfamilie als auch das Balkongeländer unangetastet. Eine wunderbare Geschichte auf die man im Ort ebenso stolz ist wie auf die Tatsache, dass in Österreich nirgendwo mehr Menschen gegen den Anschluss gestimmt haben als in Innvervillgraten. Der hier photographierte Sohn, Josef Rainer, hat das Balkongeländer übrigens testamentarisch für die Zukunft bestens abgesichert. Das „Grüß Gott“ bleibt. Auf ewig.

Paper?

Paper?

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Im Keller der Gemeinde befindet sich eine erstklassige zehn Meter Schießstätte für Luftdruckwaffen. Die Sportschützengilde, SSG Innvervillgraten, ist perfekt ausgestattet, um auf höchstem Niveau trainieren zu können. Der zuständige Meistertrainer betreut sowohl den SSG als auch den Nationalkader. Ein besonderes Glück. Die Einführung in den Sport ist oft eine familiäre Angelegenheit, und Teil der Identitätsbildung eines Ortes, der heute noch eine traditionelle Schützenkompanie hegt und pflegt. Die Kinder werden früh auf den Schießstand mitgenommen. Das Schießen findet auch bei jungen Mädchen vermehrt Anklang. Dank sehr guter Rahmenbedingungen und der effektiven Jugendförderung ist die Gilde sehr erfolgreich und genießt ein hohes Ansehen. Weit über Bezirksmeisterschaften hinaus sind Siege bei Landesmeisterschaften, Bundesliga und Jugendbundesliga keine Seltenheit. Der Verein hat auch die Ambition international erfolgreiche Schützinnen und Schützen aufzubauen. Der Reiz des Sportes — wie mir Tobias Mair aus dem Österreichischen Jungkader erklärte — sei die genaue, konzentrierte Arbeit, die mentale Stärke und die Fähigkeit eine konstante Präzision beim Schießen zu entwickeln.

Perl Shooter

Perl Shooter

1885m High

1885m High

Frau Notburga Steidl, Jahrgang 1939, hat die letzten 30 Jahre den Sommer, von Juli bis Oktober, in ihrer Hütte auf der Oberstaller Alm verbracht. Die Sennerin ist die Einzige, die noch durchgehend die Stellung auf der Alm hält. Auf über 1800 Metern. Ihr Ehemann hatte die Almhütte in den 80er Jahren gekauft und wieder aufgebaut. Eine Lawine verschluckte das Gebäude 1919. Früher haben dort viele Bergbauernfamilien dicht nebeneinander gelebt und gearbeitet. Die steilen Hänge mit Sensen zu mähen war und ist eine harte Arbeit — für die gesamte Familie. Morgens und abends schauen zwei Nachbarn aus dem Tal bei ihren Ställen vorbei. Die Hühner laufen meistens frei zwischen den Hütten herum. Das zahme Geflügel schläft unter der Hütte und läuft der alten Dame wie einer Gänsemutter nach, wenn sie zum Frühstück die Lucke an der Hauswand öffnet. Drei Kühe im Keller müssen auch gemolken werden. Danach treibt die Sennerin die gehörnten Schwergewichte mit einem kleinen Stock über die Gebirgsstraße auf die Weide aus — mit einer Leichtfertigkeit wie andere ein gut erzogenes Hunderudel ausführen. Am Abend wiederholt sich das Ganze im Retourgang. Die Alm idyllisch zu nennen ist keine fahrlässige Übertreibung. Telefonanschluss oder mobilen Empfang gibt es keinen; duschen kann man nur im kalten Gebirgsbach; und Strom liefert die Solaranlage. Die Enkelkinder lieben es dort und kommen häufig auf Besuch. Die Touristen und Minimalliebhaber, die sich in den verbleibenden Almhütten ringsum gerne einquartieren, sind der Dame auch eine willkommene, freudige Abwechslung. In ihrem Gesichtsausdruck lese ich die Erfüllung einer Lebensweise, die vielen von uns abhandengekommen ist. Zögerlich, schaudernd müsste man meinen, den Meisten. Ich sehe darin mehr als eine philosophisch-idyllische Idee von Einfachheit, die sich noch nicht über Generationen hinweg in der Wirklichkeit verwurzeln konnte. Die freundlich strahlende Sennerin mit Gretlfrisur gehört zu den reichsten, nicht mit Dingen aufwiegbaren Seelen, die mir bis jetzt vor meiner Linse begegnet sind.

Big Dogs

Big Dogs